Ina oder sieben Zentimeter

veröffentlicht am 18. März, 2020

Mittwoch, der 18. März im Lockdown-Gebiet Südtirol. Wie fühlt sich das an? Teil 3

Gestern war mein Papa einkaufen. Drei Fleischkrapfln, eine kleine rote Mettwurst, sieben Zentimeter gewürzte Leberwurst. Hamstern sieht anders aus.

»Sieben Zentimeter?« wiederhole ich lachend im Videochat, der schon zur Routine geworden ist.

»Nicht für mich«, antwortet er, »für Ina«.

Ina, das ist die wohl bekannteste Chemikerin Südtirols. Eine Pionierin auf dem Gebiet, die erst ihr Wissen als Lehrerin weitergab und auch nach ihrer Pensionierung mit Elan die Anwärter der Chemieolympiade betreute.

Auch Papa war so etwas wie Ina Schenks Schüler. Als er nach dem Studium den Lehrerberuf anstrebte, besuchte er ihren Ausbildungskurs in Meran. Aus den Augen verloren haben sich die beiden nie. Seit Jahren schon geht Papa, der Jungspund, 73, mit Ina Schenk, 95, einkaufen. Die beiden treffen sich immer unter den Lauben, besorgen das Notwendige und gönnen sich danach einen Kaffee im Meraner Kunsthaus oder Hotel Splendid. Inas Einkaufslisten sind so präzise wie kurz. Sie organisiert, ihre zwei Jahre ältere Schwester Jolanda kocht, und es bleibt viel Zeit zum Ratschen.

Letzthin habe ich in einer Runde von dem Kaffee-Einkauf-Rendezvous der beiden erzählt. »Er hat ja auch Zeit, er ist ja in Pension«, hieß es dann. Das stimmt natürlich. Aber, dachte ich am Abend, hätten wir diese Zeit nicht alle irgendwie?

Zeit bekommt in diesen Tagen ohnehin eine neue Bedeutung. Plötzlich haben wir so viel davon. Nur, wohin damit?

»Also, Peter«, sagte Ina Schenk am Telefon zu meinem Vater, »eigentlich brauche ich nichts. Aber etwas Mettwurst und sieben Zentimeter gewürzte Leberwurst wären schön«. Bevor sie das Gespräch beendete, gab sie ihm noch eines mit auf den Weg: »Geh zum Gruber, der hat die beste.«

In Zeiten von Corona, von Ausgangssperre und der Frage, wie lange das alles dauern wird, ist die jetzt telefonisch übermittelte Einkaufsliste von Ina Schenk für meinen Vater nun ein kleiner Anker, der das Leben hält. Und umgekehrt gibt dieser Anker auch Ina Schenk ein Stück Sicherheit.

Sieben Zentimeter, um genau zu sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.