Risikogruppe. Mit fünf Jahren

veröffentlicht am 20. März, 2020

Freitag, der 20. März im Lockdown-Gebiet Südtirol. Wie fühlt sich das an? Teil 4

Als Felix 2015 zur Welt kam, erfuhren seine Eltern Michi und Matthias, dass ihr Kleiner das Down-Syndrom hat und Leukämie. Nach Monaten voller Therapien kehrten die drei nach Toblach zurück – mit einem gesunden Kind mit unbändigem Überlebenswillen und geschwächtem Immunsystem.

Michi und Matthias schirmten ihren Sohn von der Außenwelt ab. Nicht, weil sie das wollten. Wie gerne hätten sie ihn nach draußen gebracht, in den Wald, ins Schwimmbad, ins Café ums Eck.
Aber es ging nicht.

Bis Felix zwei Jahre alt war, berührte er die Hand seiner Großeltern nur durch eine Glasscheibe. Wie gerne hätten seine Großeltern mit dem Enkel gespielt, ihn in den Arm genommen, einen Kuss auf seine Wange gedrückt.
Aber es ging nicht.

Dann ging es Felix langsam besser. Er wollte den Kindergarten besuchen, endlich mit anderen Kindern spielen. Doch wegen seiner anhaltenden Immunsupprimierung wäre die Ansteckungsgefahr für ihn zu groß gewesen. Natürlich haben seine Eltern versucht, für Felix eine Kindergartengruppe zu finden, in der alle Kinder geimpft sind. Würden wir das nicht alle für unser Kind tun?
Aber es ging nicht.

»Die anderen haben Verständnis«, sagt Matthias, »aber nur bis zu einem gewissen Punkt.«

Im Herbst war Felix Immunsystem fit. Der kleine Kämpfer konnte endlich seinen Rucksack schultern und in den Kindergarten einchecken.

Nun muss Felix wieder zuhause bleiben.
Zum ersten Mal in seinem Leben ist er damit nicht allein.

Und doch gibt es einen kleinen Unterschied.
Felix bleibt nicht nur wegen des geschlossenen Kindergartens daheim. Er gehört heute wie damals zur Risikogruppe.

Risikogruppe. Mit fünf Jahren.

Denn Felix hat eine Muskeldystrophie, die seine Lungen schwächt.

Immer an seiner Seite: Papa Matthias und Mama Michi. Die beiden wissen schon lange, was es heißt, den Beruf für eine Weile auf Eis zu legen. Michi verlässt das Haus schon seit Wochen nur noch, um zur Therapie zu fahren.

Therapie? Die 34-Jährige steckt mitten in einer Brustkrebs-Behandlung.

Risikogruppe. Mit 34 Jahren.

Damals musste die kleine Familie in die selbst auferlegte Isolation gehen.

»Heute«, sagt Matthias, »ist unsere ganze Gesellschaft gefragt: Nur wir alle zusammen schaffen das.«

Und damit ist eigentlich auch schon alles gesagt.

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